PROZESS No 15

PROZESS No 15

Werke von Lena Braun, Truong Ngu und Julia Sand

ERÖFFNUNG: 12 – 16 Uhr am 3. Dezember 2011

DAUER: 3. Dezember bis 23. Dezember 2011

 

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

Romen Banerjee zur Eröffnung von PROZESS No 15 am 3. Dezember 2011

Meine lieben Freunde,

nun also die 15. Ausstellung der Prozessgalerie. Die letzte Ausstellung vor der Weihnachtspause. Und auch diesmal möchte ich ein paar Worte sagen.

Mir geht es heute um die Frage: Wie kommt die Motivauswahl, die Wahl der Ausdrucksmittel, also das Thema eines Künstlers zustande? Was verbirgt sich dahinter, wenn der Künstler sagt: „damit muss ich mich beschäftigen“? Offensichtlich hat das Thema also etwas mit dem Künstler zu tun. Er fühlt sich mit dem Thema verbunden auf eine ganz spezielle Art und Weise. Sei dies autobiografischer Natur, oder unfassbarer eher ein gefühlsmäßiger Sog. Dieses Angezogen-Werden, dieser Sog ist ein Phänomen, das sich lohnt, eingehender betrachtet zu werden. Dazu möchte ich Euch bitten, Euch auf einige Annahmen einzulassen, die vielleicht dem Einen oder Anderen ungewohnt erscheinen.

In vielen spirituellen Traditionen, wie beispielsweise dem Advaita aus Indien oder dem Buddhismus spielt die Erkenntnis sogenannter Erleuchteter, nämlich dass unsere Welt nicht aus sich selbst heraus existiert, eine zentrale Rolle. Vielmehr ist ein Erleuchteter, oder auch Aufgewachter auf Grund des Umstandes, dass seine Identifikation mit dem Körper-Geist-Mechanismus erloschen ist, in der Lage zu erkennen, dass die Welt lediglich im Sinne eines Traumes existiert.

Was Du jenseits von Existenz und Wahrnehmbarkeit bist, ließe sich als Bewusstheit oder reines Bewusstsein benennen. Der Buddhismus sagt dazu Leere. Der christliche Mystiker Meister Eckhardt beschrieb dieses Erkennen folgendermaßen: Du bist das, was Gott war, bevor er war. Und das Verrückte daran ist, dass es gleichzeitig zu dieser Leere diesen Traum gibt, der dann, wenn wir ihn vollständig erfahren auch als Fülle oder Lebendigkeit bezeichnet wird.

Man kann sich das in etwa so vorstellen: So wie wir einen Gedanken wahrnehmen, indem wir ihn mit unserer Wahrnehmung ja gerade erst erzeugen, genau so ist alles was wir wahrnehmen, sehen, fühlen, schmecken, wollen, fürchten, und, und, und …in genau diesem Augenblick unsere eigene Kreation.

Wahrnehmung und Projektion ist ein und derselbe, ein identischer Vorgang.

Wir sind für das, was wir erleben, also unser Leben, die Welt, unsere Vergangenheit unsere Möglichkeiten, Wünsche, Ängste, usw. usf. vollständig selber verantwortlich, ohne (und das ist das ungewohnte an diesem Bild) etwas verändern zu können.

Wir sind unserer eigenen Schöpfung vollkommen hilflos ausgeliefert.

Übrigens kennen wir dieses Phänomen des hilflos Ausgeliefert-Seins aus unseren Träumen, insbesondere unseren Alpträumen. Auch hier sind wir der alleinige Schöpfer unserer Traumwelt. Auch hier tragen wir die volle Verantwortung für den Traum, ohne dass uns irgendeine Form von Schuld oder der gleichen träfe, da uns ja auch nichts anderes übrig bleibt, als den Traum so wie erhalt ist zu erfahren.

Wir sind unserer eigenen Kreation ausgeliefert – solange uns nicht die Gnade des Aufwachens aus dem Traum erweckt.

Ich möchte noch einmal auf meine Anfangsfrage zurückkommen: Wie kommt es, dass ich in der Kunst, wie im Leben diesen Sog verspüre, dass ich wie man so sagt ein Thema habe? Gehen wir gedanklich noch einmal an diesen Punkt der Leere, „du bist das was Gott war, bevor er war“. Wenn aus der Bewusstheit ohne jede Wahrnehmung und Projektion ein Objekt geschaffen wird, ein Etwas, eine Form, so entsteht gleichzeitig mit diesem Vorgang der Projektion dieser Form auch die Wahrnehmung dieser Form und natürlich auch ein fundamentales Bedürfnis, diese Form zu erfahren.

Du, der Du Deiner ursprünglichen Natur nach reines Bewusstsein bist, möchtest also immer von Hause aus alles was Du erfindest dann auch erfahren. Mit anderen Worten, auf dieser tiefsten Ebene möchtest Du alles, was Du wahrnehmen kannst, auch erfahren – sozusagen ob Du willst oder nicht.

Ganz gleich ob angenehm oder unangenehm, alles zu erfahren was wahrnehmbar ist, bedeutet Lebendigkeit, bedeutet Fülle. Und in diese Lebendigkeit, in diese Fülle gibt es einen tiefen Sog, diesen Urwunsch, der gleichzeitig mit deiner Erschaffung der Welt entsteht. Diesem Urwunsch alles zu erfahren, kann man ebenso wenig entkommen, wie der Welt an sich.

Für uns Künstler ist es wichtig zu erkennen, wonach wir suchen, wenn wir an einem Thema arbeiten. Denn das Metathema ist immer der dringende Wunsch des reinen Bewusstseins – dass Du letztendlich und ausschließlich bist – nach der Erfahrung seiner Selbst mittels vollständigen Erfahrens der eigenen Projektion.

Dieser Sog lässt sich heute in dieser Ausstellung besonders gut erfahren.

Hier in den Arbeiten von Lena Braun, die immer wieder in historische Identitäten schlüpft und aber immer sich selber neu inszeniert.

Oder Julia Sand, die die vielfältige Flut von Waren und Eindrücken in ihrem Leben sucht.

Truong Ngu hier zeigt sehr autobiografische Arbeiten. So einen Film vorne im ersten Raum und hat ein Spiel hier im zweiten Raum konzipiert, das seine Flucht aus Vietnam zum Inhalt hat.

Euch allen, vielen, vielen Dank, dass ihr hier für die Galerie diese gute Ausstellung gemacht habt. Also wie gesagt, neben der Spiel-Performance von Truong im Nebenraum, gibt es hier eine Arbeit von Lena Braun, die man essen und trinken kann. Liebe Lena, möchtest Du Deine Arbeit vielleicht selber mit zwei, drei Worten erläutern?

Vielen Dank
=> Download PDF – Rede

 

Panorama-Ansichten

Linke Maustaste gedrückt halten und die Panoramadarstellung bewegen

 

 

Ich wehre mich gegen die Verharmlosung und Entpolitisierung des Genderbegriffs in Kunst und Gesellschaft und füttere mit schmackhaften Regelbrüchen und unkeuscher Ironisierung das zum Schoßhund der Börse verkommene Business der Kunstpräsentation.

Lena Braun, 2008

 

Kunst ist ein Lebensmittel, das süchtig macht. Ein Überlebensmittel, das das Bewußtsein, die Wahrnehmung auf die Realität ändert. Ich konzentriere meine Erfahrung auf das scheinbar Nebensächliche und Banale im Alltäglichen. Wir gehen jeden Tag in Supermärkte, und beachten diese höchst eigenartigen Orte kaum, so selbstverständlich sind sie für uns. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto fremdartiger erscheinen sie mir.

Julia Sand, 2011

 

Ich lebe zwischen dem Vertrauten und dem Fremden,
also zwischen der Fremde im Vertrauten
und dem Vertrauten im Fremden.

Truong Ngu, 2011

 

Identifikation ist eine Liebeserklärung.
Ein „lieber ich als Du“, als kindlich, vergeblicher Rettungsversuch des geliebten Menschen.

Identifikation ist ein Gleichgewicht.
Ein schockähnlicher Freeze zwischen „ich will weg“ und „ich will bleiben“.

Ich will weg, da für mich kein Platz ist bei Dir.
Ich will bleiben, da ich ohne Dich nicht lieben kann.

In Dir liegen meine Wurzeln.
Identifikationen im Dunkeln, in derem Strom gefangen
ich lebe, liebe und male.

Romen Banerjee, 2011

 

Download Prozess No 15 Einladung

top