PROZESS No 11

 

Werke von Heinz Willig, Herbert Mondry und Daniel Schlemme

ERÖFFNUNG: 12 -16 Uhr am 14. Mai 2011

DAUER: 18. Mai bis 3. Juni 2011

 

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Romen Banerjee zur Eröffnung von PROZESS No 11 am 14. Mai 2011

 

11. Eröffnungsrede

Liebe Freunde,

vielen Dank, dass ihr hier zu unserer 11. Ausstellung der Prozessgalerie gekommen seid.

Ein Phänomen, das mich immer wieder beschäftigt, ist die Frage: Wie kommt ein Dialog zwischen Betrachter und Kunstwerk zustande. Was geschieht da, wenn man genau hinschaut?

Ich habe den Eindruck, dass dieses Phänomen der Wechselwirkung zwischen Innen und Außen nur befriedigend beschrieben werden kann, wenn wir uns ihm aus zwei Perspektiven gleichzeitig anzunähern versuchen: Zum eine die Perspektive der Einheit und zum anderen die Perspektive der Dualität.

Zum einen gibt es da die Perspektive der Einheit, die Perspektive der Leere ist gleichzeitig die Perspektive der Fülle, in der es unumstößlich und klar erscheint, dass die Erscheinungen nicht aus sich selbst heraus existieren können, da sie substanzlos sind und nicht real. Man könnte sagen, das die Welt der Erscheinungen wirklich ist im Sinne von Wirkungen, die erfahren werden. So wie ein Traum eine Wirklichkeit ohne Substanz ist, die aber natürlich im höchsten Maße erfahrbar ist.

In der Einheit ist keine Trennung zwischen Subjekt und Objekt möglich. Nicht etwa weil Subjekt und Objekt miteinander verbunden oder gar untrennbar miteinander verschmolzen sind, sondern Subjekt und Objekt werden als nicht getrennt erfahren, weil weder der Erfahrende, also das Subjekt, noch das Zu-Erfahrende, also das Objekt existieren. Beides, so wie jede Form ist aus der Perspektive der Einheit eine reine Projektion des reinen Bewusstseins.

In der Einheit begegnet man beispielsweise einem anderen Menschen und hat dabei eine direkte emotionale Erfahrung, ohne, dass der Eindruck entsteht, das Gegenüber hätte dieses Gefühl ausgelöst. Die Situation verändert sich ständig und damit einhergehend verändert sich ständig die Erfahrung. Dies ist dann das, was ich Lebendigkeit nennen möchte.

Fange ich dann mittels Denken an, Bezüge zwischen Erfahrung und Erscheinung herzustellen, so gebe ich Erfahrung und Erscheinung Substanz. Sofort spannt sich Dualität auf und meine Lebendigkeit verliert ihre Direktheit und Spontanität, wird also träge und flau.

Ebenso kann ein Kunstwerk erst dann in seiner vollständigen Wucht und Lebendigkeit erfahren werden, wenn es gelingt, das Bezüge-herstellen mittels Denken aufzugeben.

So weit, so gut. Wie sieht es nun aus der anderen Perspektive, der uns sicher wesentlich vertrauteren Perspektive der Dualität aus? Die Dinge existieren aus sich selbst heraus, haben Substanz: Hier gibt es den Betrachter, das Werk und die Erfahrung – scheinbar ein Mix aus Wahrnehmung und Interpretation.

Dabei scheint mir ein Aspekt entscheidend zu sein, den ich mit Hilfe der zwischenmenschlichen Beziehung verdeutlichen möchte:

Wenn ich mich sehr tief und radikal meinem Partner gegenüber öffne, taucht die etwas pathetische innere Formulierung auf: Ich kann ohne Dich nicht leben. Sehe ich einmal von dem symbiotischen Aspekt dieser schlagerhaften Formulierung ab, so bleibt doch ein existenzieller Kern. Der Satz „Ich kann ohne Dich nicht leben.“ bezieht sich dann nämlich auf meine Fähigkeit zur Lebendigkeit. Ich formuliere jetzt den Satz mal aus: „Erst dadurch, dass Du Dich darüber freust, dass ich da bin, kann ich mich lebendig fühlen.“

In Hinblick auf mein in der Welt sein bedeutet dies dann: Ich kann nur vollständige Lebendigkeit erfahren, wenn die Welt in jedem Augenblick mir sagt: „Willkommen!“

Und hier nun kommt ein folgenschweres Missverständnis zum tragen: Wir sind es gewohnt, die Erfahrungen, die wir in der Welt machen zu unterscheiden in angenehme und unangenehme Erfahrungen und es entgeht uns dabei, dass allein der Akt des Unterscheidens in angenehme und unangenehme Erfahrungen uns unsere Lebendigkeit kostet.

Möchten wir die Fähigkeit zur Lebendigkeit erwerben, so müssen wir sehen, dass jede Erfahrung, die wir in der Welt so wie diese nunmal ist, erfahren werden muss und uns – und das ist der entscheidende Punkt – a priori „Willkommen!“ sagt. Allein der Versuch, die Erfahrung welcher Art auch immer auf Distanz zu halten oder auf die eine oder andere Art zu händeln kostet uns unsere Lebendigkeit.

Und anders herum, gelingt es uns in all den Erscheinungen und Situationen die wir erleben, jenes „Willkommen!“ zu erspüren, so geht die damit gewonnene Lebendigkeit direkt einher mit einer Substanzlosigkeit alles Wahrnehmbaren und wir finden uns in der eingangs beschriebenen Perspektive der Einheit wieder.

Daraus ergibt sich eine sehr brauchbare Anleitung zur Betrachtung von Kunst: Stellt Euch vor das Kunstwerk und hört, wie es Euch sagt „Willkommen!“. Oder noch anders formuliert, spürt wie das Werk „sich darüber freut, dass Ihr da seid“ – auf dass es von Euch erfahren werde und Ihr lebendig seid.

Zu diesem kleinen Experiment möchte ich Euch mit dieser Ausstellung einladen. Die Fotoarbeiten von Herbert Mondry, die Malerei und die Zeichnungen von Daniel Schlemme und auch die Skulpturen und Zeichnungen von Heinz Willig hier sind dazu in aller höchstem Maße geeignet. In hoher Konzentration und Kontemplation entstanden, kann man die Arbeiten gerade zu wispern hören, wie sie sich darüber freuen, von Euch erfahren zu werden.

Also, dann genießt es … Vielen Dank

 

Panorama-Ansichten

Linke Maustaste gedrückt halten und die Panoramadarstellung bewegen

 

 

Die Irritationen, Ablenkungen des alltäglichen
Lebens vergehen, während der Modellstunden,
auch für das Modell. Wenn dies sich einstellt,
bestimmt die Wahrheit des Augenblicks die Arbeit.
Heinz Willig, April 2011

 

Ich mag es, wenn Körper ohne erzählerisches
Beiwerk zu Skulpturen werden.
In neueren Arbeiten lege ich Fotos übereinander,
wodurch eine neue Architektur entsteht.
Herbert Mondry, April 2011

 

Die Form entwickelt sich aus dem Inneren.
Die Fehler sind das Geheimnis. Sie bringen das
Unbewusste mit ins Spiel, zwingen zum Improvisieren,
lassen das Neue zu und eine Spannung erfinden,
welche die Form ergibt.
Daniel Schlemme, April 2011

 

Materialisieren im Sinne von Kunst schaffen ist Nicht-Bewusstes sich sichtbar machen lassen, auf dass es Würdigung erfahre.

Kunst in diesem Sinne hilft uns, anzuerkennen was ist.

Tun wir dies in vollem Umfange, so wirkt in uns die Wucht der Erfahrung, die Wirklichkeit.

Hinschauen macht uns frei, indem es uns hinfort spült.
Durch diese vollständige Erfahrung endet unsere Unbewusstheit und damit unsere Identifikation: Wirklichkeit, Materialisieren, also Kunst offenbart sich uns von ihrer Natur her als leer.

Erscheint aber die Kunst uns aus sich selbst heraus existent,
also nicht-leer, so befreit sie uns durch eben jene Erfahrung
ihrerselbst von unserer Unbewusstheit und unserer Identifikation.

So aber macht sich Kunst selber leer und verdeutlicht den Wirkmechanismus der Bewusstwerdung.

Romen Banerjee, April 2011

 

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