PROZESS No 10

 

Werke von Taewoo Kang, Johannes Morschl, Brad Hwang und Anne Siems

Eröffnung: 12 -16 Uhr am 19. März 2011

Dauer: 23. März bis 8. April 2011

 

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Romen Banerjee zur Eröffnung von PROZESS No 10 am 19. März 2011

 

10. Eröffnungsrede

Liebe Freunde,

vielen Dank, dass ihr hier zu unserer 10. Ausstellung der Prozessgalerie gekommen seid.

Ich möchte heute hier etwas über den Zusammenhang zwischen der Haltung des Dienens, also der Hingabe und des In der Welt-Seins einerseits und dem Akt des Sich-Ausdrückens beziehungsweise des Sich-Zeigens, also dem Akt des Handelns andererseits erörtern.

Erst einmal erscheint dem Künstler die Kunst als Möglichkeit, sich auszudrücken – sozusagen sich auszukotzen. Man bildet also erst mal im Außen die inneren Zwänge und Sehnsüchte ab. Nicht selten entsteht in diesem narzisstischen Akt eine Selbstwahrnehmung von Relevanz, Bedeutung und Sinnhaftigkeit, die dann wellenähnlich in eine ebenso narzisstische Wert-, Bedeutungs- und Sinnlosigkeit umschlägt. Das Ganze lässt sich natürlich beliebig oft wiederholen.

Dieses Lebensgefühl ist geprägt durch die Erfahrung von Abgetrenntheit und deren tradierten Kompensationsversuchen, wie dem Versuch der Teilhabe an der Welt – oder salopp formuliert: als Ewig-zu-kurzgekommener versucht man auch etwas vom großen Kuchen abzubekommen, oder aber seinen Platz in der Welt zu finden usw. usw. … Die Variationen dieses sich unbewussten Verbindens mit einem existenziellen Mangel sind mannigfaltig. Zusammengefasst könnte man sagen, es ist ein Leben im Modus des Getriebenseins.

In diesem Modus des Getriebenseins können sogar immer wieder großartige Werke entstehen – das ist gar keine Frage. Denn es ist durchaus möglich über einen getrieben-rauschhaften Schaffenswahn in einem Zustand der Selbstvergessenheit zutiefst intuitive Phasen kreativer Intensität zu erleben. Dabei kann der künstlerische Output enorm sein. Nach diesen Phasen kann ein Künstler regelrecht süchtig werden. Dieser Modus ist recht stabil, denn diese Sucht nach Intuition und Intensität stabilisiert wiederum das Lebensgefühl des Getriebenseins. Dennoch: in diesem Zustand der Selbstvergessenheit, die dem Künstler Tür zu Intuition und Intensität ist, wächst der Künstler über den rein narzisstischen Akt des Sich-Ausdrückens weit hinaus, um jedoch danach wieder in diesen hinein, also zurück zu fallen.

Immer wieder aber gibt es Künstler, die es müde werden, gebeutelt zu werden durch das ewige Auf und Ab des Getriebenseins. Diese suchen nach einer Möglichkeit direkteren Zugang zu erlangen zu Intuition und intensivem Erleben. Hier zeigt sich dem Künstler die Möglichkeit zum Erreichen der angestrebten Selbstvergessenheit das Getrieben-Rauschhafte durch Kontemplation zu ersetzen. Beschränkt sich dieser Strategiewechsel nicht nur auf den Schaffensprozess im Atelier, sondern tritt in der gesamten Lebenssituation eine kontemplative Haltung an die Stelle jenes Hamsterrades, so fehlt es dem Künstler automatisch zunehmend an existenzieller Motivation, sein künstlerisches Schaffen fortzusetzen. Dies wird als Befreiung erfahren und gleichzeitig damit verlieren eingangs beschriebenen Wert-, Bedeutungs- und Sinnlosigkeit ihre narzistische Qualität. Die eigene Wertlosigkeit hat bekommt liebevolle Aspekte, Bedeutungslosigkeit wird leicht und Sinnlosigkeit schmeckt nach Freiheit. Das Kunstschaffen hat dann seine ursprüngliche psychologische Funktion, nämlich die Herbeiführung von Glücksmomenten im Zustand der Selbstvergessenheit verloren, da genau jene Selbstvergessenheit inklusive Glücksgefühle zum vorwiegenden Lebensgefühl geworden ist.

Dies ist ein Stadium, in dem Handlung vorwiegend ohne Motivation stattfindet – sowohl allgemein im Alltag, als auch im Atelier. Jetzt wird nicht mehr, oder zumindest weniger aus mangelmotivierten Strategien heraus entwickelt, sondern Handlung geht direkt aus den Notwendigkeiten der jeweiligen Situation hervor. Das bedeutet also, dass das Verhalten eines Künstlers nun nicht mehr so deutlich in Mustern verläuft und also auch weniger vorhersehbar ist. Am wenigsten warscheinlich für den Künstler selber.

Ich rekapituliere noch einmal kurz: Anfangs folgt der Künstler den inneren Notwendigkeiten seiner psychologischen Zwänge. Mittels Kontemplation und anderer persönlichkeitsentwickelnder Techniken erfährt der Künstler sich überwiegend als Medium. Im Atelier folgt er dann einer inneren Notwendigkeit im Werk. Im Alltag allgemein, einer inneren Notwendigkeit der jedweiligen Situation.

Dabei wächst er in eine neue Qualität hinein:
In diesem Prozess wird dem Künstler zunehmend bewusst, dass eine radikale Hingabe an jene innere Notwendigkeiten – seien es die inneren Notwendigkeiten im Werk, oder seien es die inneren Notwendigkeiten einer Situation – unweigerlich zu einer erstaunlichen Veränderung der Selbstwahrnehmung führt. Die Anfangs begrenzte Selbstvergessenheit in rauschhaften Zuständen ist einer mittlerweile anhaltenden Verblassung der Ichhaftgkeit gewichen. Hier nun beginnt sich eine Ahnung zu verdichten: Ohne die Existenz eines Schöpfers – also der Ichhaftigkeit – sind Schöpfung und der Akt der Schöpfung miteinander vollkommen identisch.

Mit anderen Worten: Wahrnehmung und Projektion sind ein und derselbe Akt des Bewusstseins. Das was wir wahrnehmen existiert nicht aus sich allein heraus, sondern ausschließlich als Projektion und ist daher vollkommen leer – jede Form ist Leere. Diese Erkenntnis hat der Eine oder Andere sicher schon in spirituell interessierten Kreisen aufgenommen. Für mich als Künstler ist allerdings besonders eine gleichrangige Schlussfolgerung wichtig: Nicht nur jede Form ist Leere, sondern – und diese Erkenntnis hat für den Akt des künstlerischen Materialisierens, sowie die Wirkkraft der Kunst weitreichende Folgen: Leere ist nur als Form möglich.

Schaut Euch die Arbeiten hier in dieser Ausstellung an. Leere hat hier in diesen Werken ihre Form gefunden. Berührung, Kraft, Intensität und Lebendigkeit – so unterschiedlich die Werke von Brad Hwang, Taewoo Kang, Johannes Morschl und Anne Siems in der Form erscheinen – ich empfinde es hier deutlich: Diese Arbeiten sind leer und gleichermassen voller kaum gezügeltem Potential.

Eine schöne Eröffnung mit den Arbeiten und den Künstlern wünsche ich Euch, Danke

 

Panorama-Ansichten

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„Ich weiss nicht, ob ich mir einen Text bis heute Abend aus den Fingern saugen kann“, schrieb ich Herrn Romen Banerjee, der mich darum bat.
So ist auch mein Verhältnis zu meinen Bildern.

Taewoo Kang, März 2011

 

Ich schrieb und schrieb
gegen die Stille an.
Doch Wort um Wort
zog sie mich in sich hinein,
bis ich stillstand.

Johannes Morschl, März 2011

 


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Ich rekonstruiere Kulturartefakte einer Kultur,
die es nie gegeben hat.
In der Prozessgalerie werde ich einen „Apparat,
um die Existenz von Gespenstern zu beweisen“ ausstellen.

Brad Hwang, März 2011

 

Ich lebe seit 20 Jahren in den USA, aber meine Kunst sehnt sich ganz nach dem alten Land – wie man hier sagt ‘the old country”.
Was sich auf der Bühne dieser Landschaften
in meinen Bilder abspielt sind Seelenzustände,Träume, Phantasien.

Anne Siems, März 2011

 

 

Gelingt es mir, mich zu offenbaren,
in all der Nähe, die mir möglich ist,
so entsteht zum allerersten Mal ein kleiner Ort,
an dem ich sein kann.
Manchmal gibt es Spuren.

Romen Banerjee, „wie ein Werk wird“, März 2011

 

Prozess No 10 Einladung PDF

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